Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der ARD-Serie „Selling Sex“
Der Umgang mit der Serie „Selling Sex“ ist verroht, einseitig und mitunter hasserfüllt. Das hat Auswirkungen auf die Debatte über Sexarbeit und Menschenhandel und trifft Sexarbeiter*innen direkt. Wir fordern mehr Differenziertheit, sachliche Argumente und Stimmen von Betroffenen in der Debatte über Sexarbeit. Hass und Populismus schaden Sexarbeiter*innen.
In der ARD-Mediathek ist die Serie „Selling Sex“ abrufbar. 6 Episoden erzählen die Geschichte von Wirtschafts-Studentin Nelly. Nelly entscheidet sich, den Teufelskreis aus unbezahlten Praktika, miesen Nebenjobs und daraus angehäuften Schulden mit Sexarbeit als Escort zu durchbrechen.
Die sehenswerte Serie kreist um junge Erwachsene, Sexualität und Datingverhalten. Manche der Charaktere haben kreative Berufe und benötigen Aufmerksamkeit für ihre Projekte, Protagonistin Nelly repräsentiert eine Generation von Menschen an Hochschulen oder Universitäten, die sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten hangeln und über hohe Lebenshaltungskosten, Studiengebühren und Niedriglohnjobs in finanzielle Not geraten. Relevanter Stoff also, in dem sich sicher viele Personen wiedererkennen.
Inhaltlicher Sprengstoff entsteht, als Nelly in der ersten Episode während eines Kellner-Einsatzes eine Bekannte trifft. Denn Nellys Bekannte ist auch „beruflich“ auf dem Event, bei dem Nelly kellnert – und zwar als Escort. Zwei Jobs und doch schildert die Serie die Ausgangslage der beiden Frauen komplett unterschiedlich. Nelly im Kellner-Livree wird zurechtgewiesen, als sie auf’s Handy schaut, ihre Bekannte dagegen wird chic gekleidet und offenkundig in Partylaune präsentiert. Die Escort trinkt den Champagner, den Nelly serviert. Nelly entscheidet: Schluss mit dem miesen Nebenjob und stellt sich bei einer Escort-Agentur vor.
Diese kleine Geschichte markiert den vermeintlichen Tabubruch der Serie „Selling Sex“: Denn die Serie schildert Sexarbeit nicht als per se brutale, fremdbestimmte Gewalt, sondern thematisiert Nellys Werdegang als Escort mit Höhen und Tiefen. Und genau darüber haben deutsche Medien seit Langem eine Art Nachrichtensperre verhängt.
Wer das Thema Sexarbeit verfolgt, kennt Berichte über Studierende, die ihr Studium so finanzieren. In den Sozialen Medien gibt es reichweitenstarke Accounts über die Arbeit als „spicy showgirl“, Stripper*in oder Escort. Wer will, findet Lebensrealitäten, wie die von Nelly, in denen Menschen eine Entscheidung für diese Arbeit getroffen haben, und dann eine Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen machen. Wie hoch der Anteil von Escortanbietenden in der Sexarbeit ist, lässt sich nicht quantifizieren. Qualitative Forschung der letzten Jahre belegt allerdings, dass ihr Anteil höher als durch Medien und Politik vermutet liegen dürfte. In diesem Zusammenhang ist auch folgender Befund interessant: Die bislang größte Befragung von Sexarbeitenden im Rahmen der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen aus dem Jahr 2025 zeigt ein durchaus anderes Bild als das der amtlichen Statistik: Von den 2.350 befragten Sexarbeitenden besaßen insgesamt 44,6 % die deutsche Staatsangehörigkeit, während dies in der ProstSchG-Statistik 2023 lediglich auf rund 18 % der angemeldeten Personen zutraf. Weiter zeigt die Evaluation, dass nur rund 42 % der Befragten ausschließlich von Sexarbeit leben und ein erheblicher Teil nicht nach dem ProstSchG angemeldet ist. Diese Ergebnisse stehen in einem auffälligen Kontrast zu vermeintlichen Gewissheiten, die in Debatten über Sexarbeit immer wieder angeführt werden – etwa der Behauptung, dass nur ein kleiner Teil die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, wofür regelmäßig die ProstSchG-Statistik herangezogen wird, obwohl diese ausschließlich angemeldete Sexarbeitende erfasst. Interessant ist aber vor allem, wie mit den deutlich abweichenden Ergebnissen der Evaluation umgegangen wird: Von Anti-Sexwork-Organisationen wie TERRE DES FEMMES wird der wesentlich höhere Anteil deutscher Sexarbeitender in der Befragung als Hinweis darauf interpretiert, dass das Sample der Evaluation verzerrt sei. Man kann die Frage allerdings ebenso in die andere Richtung stellen: Was, wenn nicht die Evaluation ein verzerrtes Bild zeichnet, sondern die amtliche Statistik nur einen bestimmten Ausschnitt der Sexarbeit abbildet? Schließlich erfasste die Evaluation auch Menschen, die nicht angemeldet sind, Sexarbeit nur nebenberuflich ausüben oder nicht ausschließlich davon leben. Vielleicht zeigt die Abweichung daher vor allem eines: dass die Lebensrealitäten in der Sexarbeit vielfältiger sind, als es die häufig herangezogenen amtlichen Zahlen vermuten lassen.
Verkniffene Rezensionen
Die deutschen Medienberichte zur Serie offenbaren eine sexarbeitsfeindliche Schlagseite. Stefans und Christians fällen Urteile wie „Legende“, „Illusionen“ oder „Anleitung“ zur Prostitution“ über Nellys Geschichte. Stimmen aus der Sexarbeit, Beratung oder Forschung fehlen dagegen vollständig. Ein verdrossener, dickköpfiger Mangel an Interesse und Neugier prägt den Ton dieser Texte, die nicht debattieren, sondern um sich selbst kreisen. Offenkundig löst eine für die Mehrheit der Medienschaffenden unerwartete Geschichte bei jenen kein Interesse, sondern Widerwille und Rechthaberei hervor. …
Der deutsche Journalismus hat sich beim Thema Sexarbeit in gefühlten Gewissheiten bequem eingerichtet: „Prostitution“ ist demnach ein inhärent menschenunwürdiges Gewaltverhältnis. Beim Urteil über die ARD-bewirkt dies Folgendes: Statt darüber zu sprechen, wieso Studierende Sexarbeit machen und Nellys Erfahrungen zu debattieren, verlagert ein Großteil der Beiträge den Fokus darauf, wie ungehörig sie es finden, Sexarbeit nicht als Ausdruck von Gewalt und Kriminalität darzustellen.
An deutsche Medien durch Forschung, Sexarbeitende oder Beratungsstellen gerichtete Forderungen nach mehr Differenzierung oder Analyse fruchten seit Jahren kaum. Der Tenor deutscher Medien lautet: „Prostitution“ hat es nicht zu geben dürfen, und verstellt sich damit der Realität. Wer sich diesem unausgesprochenen, nichtsdestotrotz verbindlichen Mantra nicht unterwirft, dem kann gewaltverherrlichende Mittäterschaft vorgeworfen werden. Solche Unterstellungen haben massive Konsequenzen für eine Debatte, der es bedauerlicherweise ohnehin an Sachlichkeit und Repräsentation mangelt.
Die Kreatorinnen und die Produktionsfirma Mia Wallace der Serie „Selling Sex“ erleben das derzeit hautnah. Marie C. König hat 10 Jahre als Escort gearbeitet, Miriam Dehne in einem Berliner Bordell als Wirtschafterin und für das sexpositive TV Erotik Magazin “Liebe Sünde”. Unser Standpunkt: Hört Sexarbeiter*innen zu! Insbesondere, wenn sie Außenstehenden Dinge über sich, ihr Leben und ihre Arbeit verraten, die für die allermeisten neu sein dürften.
Empörungsspiralen und Kampagnen
Gewissheitsjournalismus ist das eine. Dazu kommt die Reaktion der deutschen Anti-Sexarbeits-Bewegung. Eine reichweitenstarke Stimme gegen „Prostitution“ teilt kurz nach Veröffentlichung der Serie einen empörten Post zu „Selling Sex“ auf Facebook und Instagram. Sie habe die Serie zwar nicht gesehen, dafür aber ein Interview mit einer der Kreatorinnen in einem österreichischen Medium gelesen, das bei der Erwähnung von Prostitution nicht grundsätzlich nach Verboten ruft. Wütend übt die Aktivistin Fundamentalkritik an einer der Kreatorinnen und am „ÖRR“ und den „Gebühren“. Eine Flut von erbosten, teils gewaltverherrlichenden Aussagen schwappt durch die Kommentarspalten der Posts. Dort werden Briefe an die ARD vorformuliert. Als eine der Kreatorinnen von „Selling Sex“ sich einmischt, wird sie beschimpft. „Frauenverräterin“ urteilt eine der Vorstandsfrauen des Bundesverband Nordisches Modell e.V., manche wünschen der Kreatorin, sie möge Gewaltopfer werden. Manche der extremsten Kommentare wurden wieder gelöscht, wurden zuvor aber dokumentiert.
Währenddessen erhält die ARD eine Fülle von Protestbriefen. Kurzum: der Druck auf die Serie und ihre Macherinnen wächst. Auf dem Filmfest München, in Reviews und Streaming-Empfehlungen, Podcasts und Radiosendungen wird die Serie positiv besprochen. Auch einige Sexarbeiter*innen begrüßten die Serie als ein „Puzzlestück“, das bislang in der deutschen Medienlandschaft fehlte. Ein Puzzlestück in einem komplexen Bild. An diesem komplexen Gesamtbild scheint die aufgeregte Debatte um Sexarbeit und Menschenhandel schon lange das Interesse verloren zu haben.
Für uns ist die Unterscheidung entscheidend: In „Selling Sex“ geht es nicht um Menschenhandel oder sexuelle Zwangsarbeit – dazu gibt es eigene, notwendige Beiträge und Debatten –, sondern um Sexarbeit. Wer diesen Unterschied verwischt, trifft eine Entscheidung zugunsten Undifferenziertheit und gegen Ambivalenz und Ambiguität. Die organisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung tut genau das:
Kampagnen + Aufruhr = Druck
Vorbildlich für den aktuellen Protest gegen „Selling Sex“ sind Moralpaniken und Empörungsstürme und daraus abgeleiteter teils massiver Druck auf Institutionen. Zwei Beispiele: Die genannten Elemente prägten 2025 die gescheiterte Verfassungsrichterinnenwahl von Frauke Brosius-Gersdorf. Damals hatte ein Zusammenspiel aus Medienbeiträgen und dem kampagnenförmige Schreiben von Protestbriefen – in diesem Fall an Abgeordnete der CDU – großen Einfluss und verhinderte am Ende die formale Wahl der Kandidatin. Ähnliches ließ sich auch in der zunächst unsachlichen Debatte um Leihmutterschaft 2026 beobachten, in der es wiederum lange dauerte, bis Leihmütter oder Leihmutterschaftnutzende zu Wort kamen. In beiden Fällen bestehen deutliche Parallelen zum aktuellen Angriff auf die Serie „Selling Sex“.
Und die Parallelen erstrecken sich auch auf die Netzwerke hinter den Kampagnen: eine Allianz aus bürgerlicher Frauenrechtsbewegung und christlichem Fundamentalismus sowie (ultra-) konservativen bis extrem rechten Organisationen nimmt Einfluss auf schwelende gesellschaftliche Debatten. Inhaltlich kreisen diese Debatten um reproduktive und sexuelle Rechte, höchstpersönliche Entscheidungen und um Fragen körperlicher Autonomie.
Wir wissen, solche Debatten bedürfen Sachlichkeit, unterschiedlicher Perspektiven sowie Ambivalenz und Ambiguität. Empörte Kampagnen, wüste Beschimpfungen und implizite Gewaltandrohungen verhindern das. Sexarbeiter*innen erleben bereits ohne solche entgrenzten Eskalationen massive, gesellschaftliche Ausschlüsse und Diskriminierung. Verschärft sich die Debatte weiter auf oben genannte Weise, hat das Auswirkungen darauf, wer sich an ihr noch beteiligen kann. Viele Sexarbeiter*innen sagen bereits heute:
Zu Stigma und Diskriminierung gegenüber Sexarbeiter*innen in der gesamten Gesellschaft kommt Hass und Anfeindungen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung”
Die emotionale Entgleisung der Debatte zeigt sich aktuell in Ablehnung und Widerwillen gegen die Serie „Selling Sex“. Das betrifft zunächst unwilligen und ignoranten Journalismus, im zweiten Schritt eine laute und zunehmend radikalisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung: Verabredungen zum Protestbriefeschreiben, Bündelung von Empörungsspiralen, Förderung von Moralpaniken über Multiplikator*innen / Influencer*innen und deren Follower*innen in den Sozialen Medien. All das nimmt Einfluss auf eine Debatte, die bereits ohne die eben beschriebenen neuen Aspekte kompliziert und einseitig war.
Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der Serie Selling Sex
Wir solidarisieren uns daher mit den Kreatorinnen Marie C. König und Miriam Dehne sowie den Produzentinnen Pauline Striebeck und Estella Sublit von Mia Wallace der Serie „Selling Sex“. Die ARD sollte mehr solche Produktionen ins Programm nehmen. Deutsche Medienschaffende sollten ihre oft voreingenommene Haltung gegenüber Sexarbeit und Sexarbeiter*innen reflektieren. Darüber hinaus fordern wir Menschen auf, Sexarbeitsfeindlichkeit in Medien, Journalismus und auf Social Media entgegenzutreten.
Für eine sachliche und breite Debatte über Sexarbeit!


