Sexarbeiter*innen haben Rechte
Letzte Woche habe ich auf Instagram und BlueSky davon erzählt, wie frustrierend es ist, wenn eine öffentliche Einrichtung wie das Museum Offenburg Sexarbeiter*innen und unser berechtigtes, demokratisches Anliegen ignoriert.
Vor Kurzem war die „Gesichtslos-Ausstellung“ im Museum Offenburg zu sehen – nebst eines ausgiebigen Begleitprogramm mit zahlreichen Vertreter*innen der Anti-Sexarbeits-Bewegung. Versuche, andere Perspektiven einzubringen, das Museum dazu zu bewegen, auch sexarbeitsinklusiven Perspektiven Raum zu geben, scheiterten.
Die „Gesichtslos-Ausstellung“ wird durch die sexarbeitsfeindliche Beratungsstelle Amalie aus Mannheim verwaltet und tourt seit Jahren als Lautsprecher für Sisters, Bundesverband Nordisches Modell landauf-landab. Zuletzt war sie im „Haus am Dom“ in Frankfurt am Main zu sehen, vielleicht erzähle ich hier demnächst mal hier davon?
Sexarbeitsfeindliche Öffentlichkeitsarbeit in Offenburg
Es wäre also, im Sinne einer pluralen, diversitätssensibilisierten Offenburger Zivilgesellschaft äußerst angebracht, anderen Stimmen Raum zu geben. Stimmen von Sexarbeiter*innen, die unter diesen Ausschlüssen leiden. Auf deren Rücken sich auch in Offenburg viele Nicht-Betroffene mit äußerst verletzenden Aussagen über unsere Arbeit hervor tun.
Heute ist es schon wieder sieben Tage her, dass ich durch Stories, Beitrag und Fotos Transparenz darüber geschaffen habe, dass bisher NICHTS geschah.
Mehrere Mails und ein Besuch vor Ort
Hier könnt Ihr meine beiden Mails ans Museum und eine Verantwortliche nochmals nachlesen:
Am 4.5. kontaktierte ich das „Museum im Ritterhaus“ zum ersten Mal:
Guten Tag,
vor Kurzem fand in Ihren Räumen die Ausstellung „Gesichtslos“ inklusive einer Vielzahl von Veranstaltungen statt.
Beim Thema Sexarbeit und Menschenhandel gibt es jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven, viele davon hatten im Rahmen der Ausstellung in Ihren Räumlichkeiten keinen Platz.
Daher kontakte ich Sie heute mit der Bitte, sich für eine gemeinsame Veranstaltung mit einem anderen Fokus, hat als die bereits genannten Events, zu öffnen.
Mein Name ist Ruby Rebelde, ich bin nicht-binäre Sexarbeiter*in und ich habe ein Buch geschrieben, über Sexarbeitsfeindlichkeit und über die politische Bewegung, die mein Leben (noch) schwerer machen will.
Ich bin Anfang Juni in Baden-Württemberg und suche nach einem Veranstaltungsort für den 2.6. Das ist der Internationale Tag der Sexarbeiter*innen und erinnert an die Besetzung der Kirche St. Niziers in Lyon.
Viele Kolleg*innen in meinem Umfeld waren sehr betroffen durch die geballte Veranstaltungsdichte in Ihrem Haus. Daher appellieren wir inständig an Sie, zumindest eine Veranstaltung mit einer dezidiert anderen Ausrichtung ebenfalls Raum zu geben.
Über eine zeitnahe Rückmeldung freue ich mich,
viele Grüße
Ruby Rebelde
Ich erhielt diese automatische Antwort:
Vielen Dank für Ihre Nachricht! Wir werden uns baldmöglichst um Ihr Anliegen kümmern.
Herzliche Grüße,
das Team vom Museum im Ritterhaus
Nichts geschah.
Keine Antwort.
Am 2.6. las ich in Offenburg -trotz Widerstände- aus meinem Buch „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ auf Einladung der Linken.Ortenau. An diesem Abend in Offenburg berichteten mir Menschen davon , negative, ja manipulative Rückmeldungen zur Veranstaltung mit mir erhalten zu haben.
Ich bin das gewohnt, so ist es, wenn Du als Sexarbeiter*in in der Öffentlichkeit gegen Diskriminierung und Stigma auftrittst.
Unangenehm fand ich es trotzdem. Überraschend nicht.
Am 3.6. suchte ich das Museum persönlich auf.
Ich bat darum, mit einer Person aus der Verwaltung sprechen zu dürfen. Mir wurde eine Person benannt, gerade nicht im Haus, an die sollte ich schreiben, die sei für die „Gesichtslos-Ausstellung“ verantwortlich.
Das tat ich.
Ich schickte die folgende Mail (anonymisiert):
Sehr geehrte Frau XYZ,
leider habe ich auf untenstehende Mail vom 4.5. keine Antwort erhalten.
Heute, am 3.6., habe ich im Museum versucht, bei Ihnen persönlich vorzusprechen.
Leider waren Sie auch heute nicht erreichbar.
Ich möchte an Sie appellieren, das Museum Offenburg für eine oder besser: mehrere Veranstaltung mit Sexarbeiter*innen zu öffnen. Es ist für die freie und demokratische Stadtgesellschaft äußerst wichtig unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema kennenzulernen. Im Grunde wünsche ich mir von Ihnen und dem Museum Offenburg mindestens so viele Veranstaltungen mit und für Sexarbeiter*innen, wie das Museum Offenburg während der „Gesichtslos“-Ausstellung gehostet hat.
Ich freue mich auf Ihre Antwort.
Zusätzlich dokumentierte ich durch Einträge auf BlueSky und Instagram den Nicht-Stand der Kommunikation.
Ist das gerechtfertigt? Ja!
Ich kann mir vorstellen, was manche jetzt denken. Das kann ja mal passieren, kleine Verzögerung und dann gleich eskalieren?
So liegen die Dinge hier nicht. Meine Kontaktaufnahme erfolge eingebettet in die Öffentlichkeitsoffensive der Anti-Sexarbeits-Bewegung in Offenburg. Berichten zufolge geht das schon lange in dieser Stadt so. Anerkennende Stimmen werden aggressiv ausgeschlossen, es herrscht ein Klima der Selbstgewissheit „auf der richtigen Seite“ zu stehen. Die beschriebene Situation stören Sexarbeiter*innen mit abweichenden Forderungen und dem Anliegen selbst für sich, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen scheinbar. Zeit und Grund genug, zu nerven!
Sexarbeiter*innen in Deutschland müssen nervig und lästig sein. Anders geht es nicht.
Nennt uns lästig, unser Anliegen ist legitim und sich dem zu stellen ist überfällig und sollte darüber hinaus selbstverständlich sein.
Nennt uns nervig, aber macht Euch klar: Wir gehen nicht weg.



